DIY-IBA fragt Arno Brandlhuber und Christian Schöningh

DIY-IBA: Ihr betont beide den Moment der Kooperation in euren Büronamen. Christian als Teil der Zusammenarbeiter und Arno in Form des + hinter dem Namen Brandlhuber. Zugleich seid ihr beide keine Freunde des Begriffs "Partizipation". Welche Begriffe sind für euch passender?

CS: In Anlehnung an alte gewerkschaftliche Kämpfe, also vor unserer Zeit, und die seinerzeitige Errungenschaft, die heute niemand ernsthaft in Frage stellt: "Mitbestimmung". So selbstverständlich, wie heute Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen paritätisch in den Aufsichtsräten der Industrie vertreten sind, gehören Akteure, zum Beispiel der DIY-Projekte, in die Schalt- und Kontrollinstanzen der Stadtentwicklungspolitik.

AB: Es geht um die Frage von Augenhöhe in diesen Prozessen. Oft funktioniert Partizipation analog der etablierten Quartiersmanagements, also als eine zwischengeschaltete Instanz, mit dem Effekt, dass Bürger nicht mehr direkt mit Politik und verantwortlicher Verwaltung in Kontakt kommen, wie man das über direkte Formen von Demonstrationen bis zu anderen Formen des Protestes erprobt hatte. Sondern dass dergleichen in einem geregelten Verfahren aufgeht.

DIY-IBA: Du sprachst einmal davon, Christian, dass jedes Projekt immer auch ein Debattenbeitrag sein soll. Wie erkennt ihr beiden die neuen Spielfelder, die ihr gerne betreten möchtet?

AB: Immer dann, wenn ein Defizit auftaucht, sind Spielfelder erkennbar. Um das an einem Beispiel festzumachen: Wenn wir uns als Architekten immer unwohler fühlen in der Iglu-artigen Wärmedämmung, mit der wir jetzt bauen müssen, ist die Frage: wie geht man mit dem Energieeinspargesetz um? Also muss man da hinein. Unser Projekt in Krampnitz zielt genau dahin, und zwar eine Energieeinsparverordnung zu erfüllen: ohne Wärmedämmung und ohne die klassischen Maßnahmen, also jeden Teilbereich der Wohnung auf die gleiche Temperatur zu bringen. Und stattdessen einen im Winter viel kleineren geheizten Bereich zu haben, sich im Winter anders zu verhalten als im Sommer und damit das Thema viel näher an die Nutzer heran zu bringen. Und das ist dann keine primär gestalterische Frage, sondern ein Debattenbeitrag, der bestimmte Ästhetiken angreift und dadurch in vielen Bereichen kommunizierbar wird.

CS: Meine Motivation wird weitgehend bestimmt von dem Anspruch auf Wirkung, oder Relevanz. Da, wo wir uns die versprechen, "melden wir uns zu Wort". Ein aktuelles Beispiel ist die Initiative der Entwicklungsgenossenschaft Tempelhofer Feld eG, mit der wir den Prozess neu ordnen wollen zugunsten einer örtlich verankerten Planungs- und Entscheidungskultur. Das Tempelhofer Feld wird, wenn uns das gelingt, eine DIY-IBA nach dem Muster der 80er Jahre IBA: "IBA alt" am Tempelhofer Damm mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften und "IBA neu" mit der Entwicklungsgenossenschaft auf dem Baufeld Oderstraße. 
Der Unterschied zu den 80ern: der prozessorientierte Teil der dual aufgestellten „IBA“ kümmert sich dieses Mal um ein potenzielles Neubaugebiet.

DIY-IBA: Wie verhalten sich bei euch Theorie und Praxis zueinander? Habt ihr die Sehnsucht oder empfindet ihr die Notwendigkeit, euch umfassender zu einem Konzept von Stadt zu äußern? Insbesondere wenn so etwas wie die Idee der "gemischten Stadt" von unterschiedlichsten Seiten für letztlich unvereinbare Interessen vereinnahmt und damit als Begriff ausgehöhlt wird?

CS: Ja! das ist dann wirklich eine Mischung aus Sehnsucht und Notwendigkeit: hohle Begriffe in den Debatten oder Programmen führen zu: Nichts. Deshalb das Projekt als Debattenbeitrag. Wie geht das: "gemischte Stadt" - "Nachhaltigkeit" - "Partizipation"? Stadtentwicklung ist keine Wissenschaft; um aber trotzdem zu forschen und zu lehren – und eben nicht nur die Studierenden – taugen Versuchsanordnungen in Echtzeit und Realraum am besten.

AB: Also wenn wir Praxis als Bauen verstehen und Theorie dort beginnt, wo nicht gebaut wird, müssten wir diese Begriffe verschieben. Wir sehen alle Arten an Debattenbeiträgen, von Einmischungen in allen Formen und von Beschreibungsmodellen als Praxis. Neben einem einzelnen Gebäude, das eine beschränkte Reichweite hat und es zudem unerheblich ist, ob in einer bestimmten Größenordnung ein Haus rot oder blau ist, macht eine Beeinflussung der Kommunikation von Inhalten viel mehr Sinn. Das meint Inhalte auf der Ebene von Gleichgesinnten, um sich auf eine bestimmte Position einigen zu können, aber auch im Umfeld von divergierenden Interessen.

DIY-IBA: Ist damit gemeint, dass ein Projekt auch dann Gültigkeit besitzt, wenn es zwar nicht gebaut ist, aber zumindest soweit fortgeschritten ist, dass es realisierbar wäre?

AB: Nein, überhaupt nicht. Eine Debatte kann auch heißen, dass man bestimmte Begriffe einführt, zum Beispiel gegen den Begriff der "gemischten Stadt", der schon so vereinnahmt ist, den Begriff der Heterogenität zu setzen, weil er unbesetzter und zugleich auch präziser durchdeklinierbar ist.

DIY-IBA: Weshalb es für uns als DIY-IBA interessant ist, euch gemeinsam zu interviewen, liegt auch daran: Bei euch beiden besteht ein wesentlicher Teil der Arbeit im Entwickeln von Verträgen und Rechtskonstruktionen. Welche Rolle spielt der Rechtsrahmen in eurer Arbeitsweise?

CS: Ganz klassisch: beschreib, was du willst, und der Jurist (in mir) konstruiert die geeignete Form. Es geht dabei um den Rahmen für Programmatisches und den gesamten Herstellungsprozess. Nicht umsonst gibt es verschiedene Rechtsformen. Für das, was zur Zeit viele umtreibt, also mitwirken und -bestimmen, teilen statt besitzen, über den eigenen Tellerrand schauen, das gute Leben, Non-Profit, Gerechtigkeit... scheint die eingetragene Genossenschaft in unserem Rechtssystem ideal. Den Rechtsrahmen können Projekte immer nur für ihre Innenwelt definieren. Das bleibt dann nicht ohne Auswirkung auf die Außenwelt; um aber darüberhinaus "echte" Teilhabe an Stadt und Stadtentwicklung zu gewähren, muss am großen legalen Rad gedreht werden. Teilhabe ist bei uns – von Mildtätigkeitssituationen abgesehen – vor allem durch die Frage nach den Besitzverhältnissen geordnet. Da schliesst sich sofort die äusserst relevante Frage "Wem gehört die Stadt?" an. Deshalb steht die Frage nach Mitwirkungsmöglichkeiten in der Stadtentwicklung jenseits der Grenzen des eigenen Projektes für viele auf der Tagesordnung ganz oben.

AB: Also wenn man die Baugesetzgebung als Beispiel nimmt, beschreibt die ja nur den größten gemeinsamen Nenner aller abzubildenden oder vorstellbaren Gebäude. Das heißt, bis dahin nicht vorstellbare Gebäude – können darin nicht enthalten sein. Wir verstehen diese Arbeit in dem Rechtsraum wie ein Schachspiel, auf Regeln basierend, um an deren Rändern zu schauen, wo die noch offen sind, und die Ränder zu einem neuen Ergebnis zu formulieren.

DIY-IBA: Ist das Schach, oder eher Judo?

AB: Tai-Chi ... oder andere Formen. Aber da es offensichtlich um ein Regelwerk geht, das in Rechtsnormen formuliert ist, geht es für uns maßgeblich darum, diese soweit spielen zu können, dass das Gegenüber nicht in der Situation ist, das zu verhindern.

DIY-IBA: Gebäude werden in der Disziplin Architektur zumeist hinsichtlich ihrer Funktion, ihres Entwurfs und ihres Materials eingeordnet. Wäre es nicht naheliegender, sie zuallererst als Rechtsformen zu beschreiben?

CS: Die Rechtsform gehört dazu, neben anderen wichtigen, auch "klassischen" Programmbestandteilen. Wir machen auf diese Art "parametrische Architektur"; aber eben nicht mit geometrischen, sondern mit sozialen, funktionalen, juristischen, finanziellen und organisatorischen Parametern. 
Farbe, Material, Raum, Form und so weiter sind als Architektur in ihrer tatsächlichen Wirkung auf Umwelt und Nutzer extrem abhängig von den genannten Rahmenbedingungen ihrer Entstehung. Denn die bestimmen maßgeblich die Weiterentwicklung von Gebäuden, die bei einer üblichen Nutzungsdauer von vielen Jahrzehnten mehrfache Rundum-Veränderungen vor sich haben, bis hin zur Unkenntlichkeit oder ihrer völlig überflüssigen Zerstörung. Das bedeutet, dass es auf lange Sicht primär darauf ankommen kann, wer über diese Zukunft bestimmt und nicht, was die Architektur der Erstnutzung ausmacht.

AB: Gebäude sind von vornherein über eine Rechtssituation beschrieben. Um beim Beispiel zu bleiben, durch energetische Bedingungen, die dann zum Lochfenster führen, weil der Fassadenanteil nur mehr x % verglast sein sollte und y % geschlossen. Das bedeutet ja nichts anderes, als dass wir uns längst in diesem Rechtssystem befinden. Es ist also die Frage, wie man das Rechtssystem anders spielen kann. Ich würde das gar nicht gegeneinander positionieren. Wenn wir jetzt als Selbstentwickler von schwierigen Immobilien oder schwierigen Grundsituationen auftreten, dann vielleicht genau deswegen, weil dieser Mehrwert, den man sozial, kommunikativ und wahrscheinlich auch architektonisch damit herstellen kann, mit einem zwischengeschalteten Auftraggeber, der ein zusätzliches Rechtsmodell mitbringt, nicht mehr zu leisten wäre.

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